Busfahrt ohne Ausstieg

Gestern Nacht begegnete ich dir in einem Bus des HVV in unbekannter Richtung. Du warst nicht schwer auszumachen, denn außer uns beiden gab es nur einen weiteren Fahrgast. Es war ein junger, schnöseliger Typ im Anzug, dessen Haltung und Aufmerksamkeit beständig in deine Richtung ausgerichtet blieb. Ein bisschen wie ein kleines Hundilein, das hechelnd apportieren will. Hat für mich so ausgesehen. Aber ich will nicht bewerten.

Du hast etwa in der Mitte des Busses gesessen, dein Blick war durch die Scheibe hindurch scheinbar in weite Ferne gerückt. Desinteresse oder Fernweh, who knows. Ich nahm hinter dem Busfahrer Platz und drehte mich nun ebenfalls zu dir um. Dann hast du mich plötzlich direkt und lange angeschaut, als wäre dir meine Anwesenheit die ganze Zeit über bewusst gewesen, du warst nur noch nicht bereit für mich und schließlich hast du einfach nur geseufzt. Was soll’s. Deine Augen gaben mir zu verstehen, dass ich weiter in deine Nähe rücken konnte, mindestens zwei oder drei Bankreihen, wie ich wohl annahm.

Als ich mich erhob, blickte der Typ neidvoll zu mir hoch, denn natürlich war ihm mein triumphaler Siegeszug, meine Annäherung an diese ihm selbst so begehrenswert anmutende Frau im Bus nicht entgangen. Und das war mir scheinbar ganz ohne irgendwelche Worte zu verschwenden gelungen. Wie hat der das bloß geschafft? schien seine Mimik auszudrücken. Tja, wenn der wüsste. Ich ging an ihm vorbei und sagte „Was glotzt du denn so blöd? Das geht dich nichts an!“ Ich klopfte ihm mit einer entmutigenden Geste auf die Schulter. Das gab ihm den Rest. Friß das und verreck daran! Gott, wie schrecklich ich mich verhalten habe!

Eine Sitzbank vor deiner machte ich halt und nahm dir gegenüber Platz. Gütiger Vater der allmächtigen Sinneswahrnehmungen und Schutzpatron der heiligen Verlockung, du hast so wunderschön ausgesehen!

Der Fickschlips dahinten blickt dich schon die ganze Zeit so an, als wäre er ein Schneider, der mit seinen Augen Maß für ein durchsichtiges Sonntagskleid nehmen würde!“ sagte ich zu dir.

Ich weiß. Dieser Nadelstreifenheini möchte mich wohl materiell beeindrucken.“

„Klar,“ entgegnete ich „deshalb fährt er auch mit dem Bus.“

„Weißt du André, ich finde diese verzweifelten Starrer einfach nur bemitleidenswert. Und erst danach verachte ich sie. In dieser Reihenfolge.“

„Weiß ich“ war meine Antwort darauf. „und damit er es auch endlich begreift, werde ich ihn nachher noch einmal gepflegt darauf hinweisen!“

Stille über eine ganze Haltestelle hinaus. Dann hast du mich gefragt: „Was kann ich heute für dich tun?“

„Oh, ich brauche nicht viel. Die Wahrheit reicht schon. “

„Ach ja, die Wahrheit. Da war doch was…“ hast du mit einem komischen Glucksen erwidert, von dem ich nicht genau wusste, was ich davon zu halten hatte.

Dann: „Hast du mitbekommen wie wir rumgemacht haben?“

Konsterniertes Ich: „Werwiewaswowann bitte? Rumgemacht?“ Alleine dieses Wort. So antiquiert. „Dann stimmt das mit euch beiden?“

Du hast geschmunzelt, bist aufgestanden und hast mir ganz leise ins Ohr gehaucht „Wer weiß? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Du wirst das alles wohl leider nie erfahren. Ich muss hier jetzt raus!“

Mir fehlten die Worte, mir fiel nichts ein, nur dass du mir wieder entgleiten und dich davonmachen würdest, wie immer in meinen Träumen. Die Zeit lief ab. Ticktock. Ticktock. Der Bus hielt, die Türen öffneten sich mit einem lauten PFFFCHH und du bist in Zeitlupe ausgestiegen. Entweder weil die Zeit jetzt vollends still stand oder weil du so getan und dich absichtlich einfach nur sehr langsam bewegt hast; ein theatralischer Abgang in SloMo, extra für mich. Sehr lustig aber auch gekonnt sah das aus. Ich hätte fast sogar gelacht.

Eine Freundin wartete an der Bushaltestelle auf dich. Ihr habt euch in ein kleines Auto gesetzt und seid dem Bus hinterhergefahren. Dann verwandelte sich der Traum und wurde zu einer Art YouTube-Video. Deine Freundin saß am Steuer, während du deinen Oberkörper durch das Schiebeverdeck gesteckt und in die Kamera geblickt hast.

„Ich weiß, ich weiß“ hast du zu deinen unsichtbaren Followern gesagt „Er tut mir ja auch ein wenig leid. Und ich war kurz davor, ihm seine Wahrheit zu geben. Aber dann habe ich mir gedacht: Nein! Er muss lernen, dass man nicht alles erfahren kann, dass es Dinge gibt, die im Dunkeln verborgen bleiben. Und dass das Leben trotzdem immer weitergeht, wie dieser Bus immer wieder seine Route abfährt, abends im Depot eintrifft und am nächsten Morgen wieder erneut seine Reise antritt!“

Dann war der Traum vorbei. Aus. Schluss. Bis demnächst in diesem Theater. Oh, ich weiß wohl um die Bedeutung dieses nächtlichen Gehirnexperiments! Das Leben geht weiter undsoweiter undsofort, blablablubb. Danke Mr. Brain. Ein wenig mit dem Holzhammer aber okay.

Nur dass du selbst immer aussteigen kannst wann du willst und du das auch tust, ganz besonders in meinem Fall war das so. Aber ich möchte nicht länger in diesem Bus immer dieselbe Strecke fahren und auf einen leeren Platz mir gegenüber starren müssen. Also lass‘ mich bitte bitte endlich endlich auch aussteigen, liebe LCS!