Die Klinge ihres Katanas glänzte in der untergehenden, blutroten Sonne am Berg des schneebedeckten Fujiyama und lenkte seine Aufmerksamkeit für einen nur kurzen, jedoch tödlichen Moment ab. Mit einer eleganten Bewegung stieß sie das Samuraischwert bis zum Heft durch die Rippen seines Brustbeins. Das letzte was Harry Volt wahrnehmen konnte, war der seidenweiche Kuss der Killerin, der eine kleine feuchte Stelle auf seiner Stirn hinterließ. In ihrem schwarzen, engen Latexdress wirkte sie immer noch verdammt aufreizend, dachte er und starb…
Ich verstehe nicht…was soll das Max?
Was soll was, Robert?
Sie lassen Harry sterben?
Ja.
Sind Sie wahnsinnig?
Warum?
Warum? Sie machen nur Spaß oder? ODER?
Nein. Harry ist tot. Ich habe keine Lust mehr.
Achso, Sie haben keine Lust mehr, na dann…SIND SIE OFFENSICHTLICH VERRÜCKT GEWORDEN!
Wieso? Nur weil ich keine Lust mehr habe, diese Schundliteratur zu schreiben?
Ich will Ihnen mal was sagen Max, Harry Volt ist das Zugpferd unseres Verlages und das lasse ich mir bestimmt nicht von Ihnen aus einer Laune heraus kaputt machen! Sie müssen den Verstand verloren haben!
Das ist keine Laune, Robert! Ich habe es einfach nur satt! Harry Volt wird nicht länger mein Leben bestimmen, das war’s, ich bin fertig damit! 199 Romane lang immer das gleiche. Das ist Fließbandarbeit und hat mit dem kreativen Wirken eines Schriftstellers nicht das Geringste zu tun!
Max, nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber Sie sind kein Schriftsteller. Sie sind Autor einer Groschenromanserie mit Titeln wie: Harry 1000 Volt, Ein Mann wie Volt, Volt steht unter Strom, Volt und die Killerin Ampère undsoweiter undsoweiter.
Sag ich ja. Es ist Schundliteratur. Aber ich möchte etwas anderes machen.
Etwas anderes? Ja was denn, um Himmels Willen?
Vielleicht schreibe ich ein Kinderbuch über eine kleine Hummel, die abnehmen will oder ein Sachbuch über die Gefahren von Wagenrennen im antiken Griechenland. Es spielt keine Rolle, Hauptsache ich fühle mich gut dabei.
Hummeln und antikes Griechenland sollen es also sein? Wie wäre es, wenn Harry Volt Urlaub auf Kreta macht und dort eine kesse Biene kennenlernt?
Ich werde dieses frauenverachtende Zeug nicht mehr schreiben Robert! Vielleicht sollten Sie mal Ihre Sicht bezüglich diverser Rollenmodelle überdenken.
Ach kommen Sie mir doch nicht so! Über Sex und Gewalt wollen die Menschen etwas lesen und nicht über die Gewichtsprobleme von gestreiften Insekten. Sie haben doch überhaupt keine Ahnung von Kinderliteratur, wissen Sie eigentlich wie viele Autoren da draußen am Hungertuch kauen und froh wären, einen Job wie den Ihren zu haben?
Wie dem auch sei Robert, das alles spielt keine Rolle. Mit diesem letzten Heft erfülle ich meinen Vertrag über 200 Veröffentlichungen. Und jetzt ist Schluss.
Na schön, wie Sie wollen! Bei unserem Verlag allerdings werden Sie sicherlich nicht Ihre lächerlichen Ambitionen ausleben, Sie verdammter Idiot!
Wissen Sie, die Hummel ist eine kleine, gierige, fette, selbstgefällige Hummel und ich glaube, ich werde Sie Robert nennen!