Die Stola

Wir leben in einer Welt, in der für viele Schein = Sein bedeutet.

Frauke Dorsch streicht sanft und vorsichtig wie ein kleines Kind über die verschiedenen Kleidungsstücke, die vor ihr ausgebreitet auf dem flachen Nussbaumtisch der Edelboutique „la cœur de l’âme pure“ liegen.

Sie fühlt sich hier in diesem edlen Ambiente völlig deplatziert, alles ist so furchtbar schick und übertrieben fein, die Verkäuferin sieht aus, als käme sie direkt von der Metropolitan Fashion Gala in New York. Irgendwo hat Frauke einmal Bilder dieser Veranstaltung gesehen, wahrscheinlich war es in der Bunten oder so. Alle Gäste dort trugen Garderobe, die wie Kostüme aussahen: ausschweifende, anmutende Roben, skurril geschnittene Kleider und merkwürdige Anzüge, bizarre Kreationen der Auffälligkeit, je ausgefallener desto besser. Ein Klamottenzirkus der Eitelkeiten.

Frauke fühlt sich von der Frau, wahrscheinlich ist es die Besitzerin der Boutique, abgecheckt und in eine Schublade gesteckt. Anscheinend denkt sie, dass Frauke gerade vom Wochenmarkt kommt, wo sie wohl Kartoffeln und Rüben in alten Holzqlogs und Kopftuch verkauft hat. Peinlichpeinlich. Frauke trägt heute nämlich nur bequeme Jeans und ein ausgeleiertes Sweatshirt mit einem großen Aufdruck des Herstellers auf der Brust. Die Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden und ungeschminkt steht sie nun ganz verloren da. Mist, das hätte sie sich vorher besser überlegen sollen. Aber nu is zu spät.

Ihre beste Freundin Sonja Hass hatte sie auf die Neueröffnung des kleinen Ladens aufmerksam gemacht und ihr geraten, sich die O-Ton: tollen Männerfangstücke einmal selbst anzuschauen, wer weiß wie lange sich so ein Laden hier in Ratekau über Wasser halten kann. So geschehen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Dann bemerkt Frauke ganz in der hintersten Ecke der Boutique ein Mannequin, welches ein samtrosafarbenes Nichts von einem Kleid mit einer cremefarbenen Stola trägt.

Diese Stola hat es Frauke angetan. Sie ist wunderschön und schmiegt sich wie der Lauf eines Wasserfalls um den schlanken Körper der Puppe. Sie geht näher heran und versucht ein Preisschild auszumachen. Nichts. Dann dreht sie die Stola verstohlen um und sieht den Preistag mit dem Logo der Boutique. Fraukes Augen weiten sich zu einem überraschten Blick und sie presst verstört und überrascht keuchend einen Schwall Luft aus ihrer Lunge.

450,- € soll das famose Stück Stoff kosten. Das muss man sich mal vorstellen! 450,- €! Dafür bekommt Frauke in der Regel ein komplettes Outfit nebst Schuhen und hat dann immer noch genug übrig, um den Einkauf für zwei volle Wochen zu tätigen und ihren alten Mazda 4x vollzutanken.

Sie berührt die Stola erneut und ist fasziniert von dem weichen Material, das die zartweiße Tönung dahinziehender Wolken an einem sonnig-warmen Tag im Wonnemonat Juli trägt. Aber 450,- € sind ein Haufen Asche und sie wüsste auch gar nicht, wann und wozu sie das traumhafte Stück tragen sollte. Aber spielt das überhaupt irgendeine Rolle?

Frauke überlegt kurz, rechnet in Rekordzeit Soll und Haben durch und macht geschwind eine Gewinn-Verlustrechnung. In ihren geweiteten Pupillen spiegelt sich in strahlendem Glanz die fließende Silhouette der Stola wider und sie muss ihren erhöhten Speichelfluss kontrolliert herunterschlucken.

Nützt nix. Die Stola muss her, muss in ihren Besitz übergehen, da spielen Zahlen keine Rolle und tun nichts mehr zur Sache. Hier sehen wir gerade ein Paradebeispiel dessen, was passiert, wenn der Verstand auf Kosten (450,- €!) der Gier, des Haben-Wollens, des unsagbaren Verlangens, komplett den Bach runter geht.

Die Verkäuferin bemerkt ihr Interesse und nähert sich schlängelnd wie eine Viper ihrem Opfer. „Ist das nicht eine wundervolle Stola? Sie ist aus handgeschöpfter, tibetanischer Seide und selbstverständlich ein Einzelstück. Probieren Sie sie doch mal an!“ sagt sie und bestäubt mit ihrem zischelnden Ton das Begehren, dass Frauke nun vollständig eingenommen hat. „Jaja!“ stammelt diese und fasst sich dabei an ihre leicht geröteten und erhitzten Wangen. So etwas hat sie vorher noch nie erlebt. Vollkommen verwirrt und irritiert zieht Frauke in einer ruckartigen Bewegung die Stola von der Puppe und ohne sich dessen so richtig bewusst zu sein, ebenfalls ihr großes, zerschlissenes Portemonnaie aus der Gesäßtasche. „Ich nehme sie!“ ist alles was ihrer mittlerweile vollkommen ausgedörrten Kehle entweicht, komplett verrückt und bekloppt das alles, aber egal!

Nach dem im Expresstempo ausgeführten Bezahlvorgang -denn Frauke hat es sehr eilig das neu erworbene Stück Haute Couture endlich auch auszuführen- stolpert sie, immer noch etwas benebelt, aus dem Laden und präsentiert der Welt von Ratekau stolz ihre Sweatshirt/Jeans/Stola-Kombination. Nur keiner schaut, niemand scheint sie zu bemerken. Alles ist wie immer. Doch das bemerkt Frauke nicht. Sie fühlt sich gut und hat bereits längst verdrängt, dass es sich bei den 450,- € tatsächlich um den Tagesumsatz ihres Standes vom Ratekauer Wochenmarkt gehandelt hat, der nun in der Abrechnung fehlen wird. Wie gewonnenen so zerronnen!

Bei der Verkäuferin aus der Boutique handelt es sich nebenbei bemerkt mitnichten um die Besitzerin, sondern um die 42-jährige Hausfrau Claudia Bandwurm, die hier nur mit einem Aushilfsjob ihr Dasein fristet. Das Kleid, das sie trägt, wurde ihr von der Eigentümerin des Ladens leihweise zur Verfügung gestellt.

Die wunderbare Stola wurde übrigens in einer Textilfabrik in Bangladesh vom 13-jährigen Mohammed gefertigt, der noch nie eine Schule von innen gesehen hat. Er muss seine Familie mit seinem Monatsgehalt von 40 Euro unterstützen und arbeitet 12 Stunden am Tag unter desolaten Bedingungen. Von alledem wissen Frauke Dorsch, Sonja Hass und Claudia Bandwurm nichts. Oder sie wollen davon nichts wissen. Kann auch sein.

Einen schönen, gleichgültigen Tag noch.