Einst sollte ein neuer König bestimmt werden, denn der Alte lag im Sterben. Der mittlerweile hochbetagte Regent hatte zwei Söhne gleichen reifen Alters, sie unterschieden sich allerdings grundlegend voneinander. Da nicht klar war, welcher der beiden Sprösslinge zuerst das Licht der Welt erblickt hatte, gab es keine direkte und klar auszumachende Thronfolge und so hatte der König den kühnen Einfall, das Volk seines kleinen Königreiches entscheiden zu lassen.
Schon bald versammelten sich die braven Bürger und schnell wurde klar, dass die Sache nicht so einfach werden würde, wie es sich der König vorgestellt hatte, denn sein Volk war entzweit, es spaltete sich in zwei Lager. Die Einen waren auf der Seite des rechtschaffenen und zurückhaltenden, jedoch recht unansehnlichen Sohnes, sie sagten „Seht, das ist unser neuer König, denn er ist klug und weise und beständig, er weiß, was das Beste für unser kleines Königreich ist!“
Die Anderen wiederum sahen ihre Zukunft in dem stattlichen, wohl anzusehenden Sohn, der der heimliche Liebling aller Mägde, Zofen und vielleicht sogar einiger Männer im Lande war. Sie sagten „Aber könnt ihr denn nicht richtig schauen? Nur unser König ist der Krone würdig, denn er sieht so unverschämt gut aus und weiß sich zu präsentieren, er ist stark und männlich, nur er wird uns gebührend vertreten!“
Es war eine verfahrene Situation, im Laufe derer sich gar die einzelnen Parteien anzufeinden begannen. „Wie könnt ihr nur glauben, dass der Schein wichtiger zu sein vermag als die Erfahrung, der Intellekt und die Güte?“ sagten die Einen. „Und wie kommt IHR nur dazu zu glauben, dass das Unscheinbare und Uninteressante uns irgendwie voran bringen wird, wenn wir doch jemanden haben könnten, der im Gegenteil dazu nicht nur einen erfreulichen Anblick darbietet sondern auch von jedermann geliebt zu werden scheint?“ erwiderten darauf die Anderen.
Sie kamen nicht voran sich zu entscheiden und so erhob irgendwann der Älteste von ihnen die Hand, um Ruhe und Einhalt zu gebieten. Er betrachtete seine Mitbürger lange und seine Blicke wanderten dabei von einer Gruppierung zur nächsten. Dann sagte er mit ruhiger aber eindringlicher Stimme: „So wie ich es sehe und verstehe, geht es hier um eine Grundsatzklärung der Frage, welche Werte im Leben fundamental sind und als universell richtig betrachtet gelten können. Beide Kandidaten vereinen zusammen alle Werte und Moralvorstellungen, die ihr verkörpert wissen wollt. Jeder für sich allerdings kann nicht euren Ansprüchen, die ihr an einen Regenten habt, genügen. Und nur Einer von beiden kann König werden. Daher mache ich euch einen Vorschlag: horcht in euer Herz und lasst den Verstand in diesem Fall beiseite. Der erste vom Herzen und Gemüte bestimmte Gedanke ist meist der richtige und so bitte ich euch darauf zu vertrauen.“
Und so geschah es. Alle Bürger schauten ganz tief in ihr Herz hinein und sie kramten eine gute Weile darin herum, bis sie jeder für sich einen Entschluss gefasst hatten. Dieser fiel eindeutig und mit überwältigender Mehrheit zugunsten des schönen Prinzen aus, der freudestrahlend und hoch erhobenen Hauptes seine Nominierung annahm und das kleine Königreich von nun an und für lange Zeit regieren sollte.
Bis heute überliefert sich das damals Zugetragene als richtungsweisende Entscheidung, das Herz für sich sprechen zu lassen, falls es wieder einmal keine noch so geartete Lösung für ein bestimmtes Problem geben sollte. Dies ist -wenn man so will- die daraus resultierende Erkenntnis. Ach ja, und das Schönheit immer siegreich sein wird, natürlich. Gute Nacht liebe Kinder.