Perspektivenwechsel 

Wir werden leben, nur die Zeit stirbt.

Erich Maria Remarque

Was ist ein guter Freund? Was meine ich, wenn ich sage: er war mein bester Freund? Wahrscheinlich bedeutet es, dass wir uns sehr nahestanden, dass es so vieles gab, das uns verband. Uns einte eine Art stiller Allianz, die über viele Jahre hinweg Bestand hatte und auf bedingungslosem Vertrauen begründet lag.

Aber jetzt ist er nicht mehr da, dieser Freund. Er ist gegangen und wird nie wieder zurückkehren in mein, in unser aller Leben. So als wäre eine Brücke, die ehedem in eine andere und doch vertraute Welt führte, einfach eingerissen worden. Sie ist zusammen mit der Welt, die dahinter lag, verschwunden und vermag nur noch in unseren Erinnerungen zu existieren. Der Gedanke an ihn, der oft mit Freude und Lebenslust unzertrennbar verbunden war, ist der Frage nach dem Warum gewichen. Warum ist er fort?

Wahrscheinlich war er schon immer und fortwährend ein wenig grüblerisch und selbstkritisch gewesen. Manchmal haderte er mit sich selbst und für kurze Momente nur, schien ein er, einem inneren Impuls folgend, sein Wesen und seine Ausstrahlung zu hinterfragen. So als würde man am Horizont kurz einen Blitz aufhellen sehen, dessen Donnergrollen nur mit erheblicher Zeitverzögerung zu vernehmen war. Der Einschlag schien weit weg zu sein, kündigte sich aber immer mal wieder an.

Aber dann, irgendwann im letzten Jahr, erfolgte beides im Einklang des gleichen Augenblickes. Der Zenit war erreicht und es war Zeit für den Übergriff dieser furchtbaren Krankheit, ausgelöst durch die unerwiderte Liebe einer Frau, die unerreichbar schien, aber fortan seine Gedanken als Sinnbild des eigenen Versagens bestimmten sollte. Eine Depression geht manchmal nicht nachvollziehbare Wege, sie ist wie ein Geschwür, das nach und nach vom Geist und der Seele ihres Wirtes Besitz ergreift, ihn nicht mehr loslässt. Ein Parasit, der sich von der Läsion und dem damit verbundenen Schmerz nährt und nach seiner eigenen, autoritären Vollkommenheit strebt.

Die Anzeichen waren also durchaus gegeben, wenn man jedoch als Betroffener keinerlei Erfahrung mit dieser Art von Krankheitsbild besitzt, fällt einem die Schwere und Bedenklichkeit eines solchen Leidens nicht sofort auf. Mein Freund isolierte sich zwar zunehmend von uns allen, aber wahrscheinlich dachten wir anfänglich, die Zeit und Geduld würde automatisch eine Besserung mit sich bringen. Ich habe immer versucht, den Kontakt aufrechtzuerhalten, habe ihm geschrieben, mich eingebracht und mich sogar gelegentlich mit ihm getroffen, wenn er bereit dazu war.

Dann erreichte mich dieser Brief von ihm. Dieser verdammte Brief, der nicht von ihm selbst, sondern von seiner Depression, seinem Alter Ego geschrieben zu sein schien. Es waren bedenkliche Worte des Abschieds, und ich war unsicher, ob er mir nicht vielleicht hinter dem Rücken seiner Krankheit eine geheime Botschaft zukommen lassen wollte. Er schrieb mehrere dieser Briefe an verschiedene Personen aus seinem näheren Umfeld. Sie glichen sich nicht vollständig in ihrem Wortlaut, ließen aber kaum Spielraum für eine andere Interpretation als den Wunsch nach Erlösung durch den Freitod zu.

Was macht man in solch einem Fall, der wie eine riesige Springflut über einen hereinbricht und einen gleichermaßen bedrückt wie verängstigt? Nun, in meiner, in unserer großen Besorgnis, haben wir es dem sozialpsychatrischen Dienst gemeldet und gehofft, dass er durch den Kontakt zu dieser Stelle eine Vorstellung vom Ernst der Lage für ihn selbst und uns andere bekommt. Er hat uns immer wieder zurückgewiesen, wollte über die gewöhnliche Therapie hinaus nie das komplette Potential einer möglichen Heilung in Erwägung ziehen, er war stur und dickköpfig, so wie wir ihn schon immer kannten und unter anderen Umständen manches Mal vielleicht auch dafür geschätzt haben.

Also hat er sich gebeugt und resigniert in die Obhut seines schattenhaften Wärters begeben, um von dort aus fortan nur noch als willenloses Wesen zu funktionieren. Das Alles erscheint mir im Nachhinein so unwirklich und irrational, jedoch ist es das, was passiert ist. Das Schlimmste scheint die Hilflosigkeit zu sein. Man fühlt sich ausgeliefert und in die Ecke gedrängt, denn ein Suizid ist so weit weg, wie das Sternenbild der Cassiopaia. Bis die Sterne vom Himmel fallen und verstreut um einen herumliegen und man fassungslos auf die sterbenden, einst hell leuchtenden Himmelskörper starrt.

Mein Freund ist gegangen und hat die Sterne mit sich genommen. Was hätten wir tun können? Wir haben alles versucht und sind dennoch gescheitert. Warum ist er gegangen? Warum entscheiden Menschen derart über ihr eigenes Leben ohne Rücksicht auf alle zurückbleibenden Freunde und Verwandte? Wie immens groß müssen die Verzweiflung und der Schmerz in meinem Freund gewütet haben, um zu solch einer Tat zu führen? Es ist für mich unvorstellbar, dass eine derartige Macht existieren könnte.

Ich vermisse ihn, meinen Freund. Manchmal, wenn ich einen hell leuchtenden Stern am Firmament erblicke, denke ich an ihn und möchte glauben, dass es ihm gut geht, da wo er jetzt ist.

Hilfe.

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