Es ist schon erstaunlich, wie stark der Selbsterhaltungstrieb ist. Aber ich werde ihn bezwingen. Ich muss ihm nur klar machen, das es so das Beste für uns alle ist. Für meinen Körper, meinen Verstand und meine Seele.
Am Anfang stand der Schmerz, geboren aus der mittlerweile verständlichen Ablehnung eines anderen Menschen.
Dann kam das Selbstmitleid.
Danach nahm der Selbsthass aufgrund einer sich verfestigenden Eigenerkenntnis langsam Gestalt an. Er hat mittlerweile den größten Stellenwert eingenommen, er ist der Motivator hinter den meisten meiner Handlungen.
Als ich erkannt habe, dass es keine Lösung für meine Ansicht und die der Welt mir gegenüber gibt, kam die Hoffnungslosigkeit mit ins Spiel.
Fast der ganze Tag besteht nur aus Gedanken, die sich um diese „Kernitems“ ranken. So nennt man das wohl.
Ich musste eine zumindest für mich adäquate Lösung herbeiführen, einen Schlüssel zur ERlösung finden. Also habe ich begonnen, mich von allen meinen Mitmenschen zu distanzieren. Anfänglich noch zögerlich, aber dann immer konsequenter, was schließlich in mehreren Abschiedsbriefen gipfelte, die ich an Freunde und Verwandte schickte. Das sollte den Schlussstrich meiner Verbindung zur Außenwelt darstellen. Andere haben sich folgerichtig von mir losgelöst und sich abgewandt. Wer könnte es ihnen verdenken. Ich jedenfalls nicht. Meine Therapie habe ich abgebrochen. Ich habe einen netten, kleinen Brief geschrieben und meine Beweggründe erklärt. Mein Herz ist keine Mördergrube. Oh nein.
Das war also ein erster, wichtiger Schritt. Die Isolation. Die komplette Vereinzelung. Sie soll den Schmerz verstärken, die Qual potenzieren und das Leiden intensivieren.
Der begleitende nächste Teil des Selbstzerstörungsmanövers beinhaltet die Selbstbestrafung. Ein Versager bekommt, was dem Versager gebührt. Ich muss da gar nicht viel machen, das ist kein großer Aufwand und kostet auch nicht viel Überwindung. Dieses Gefühl keimt wie selbstverständlich unter gewissen Voraussetzungen in mir auf.
- Auf dem Weg zum Auto, zum einkaufen oder sonstwohin. Niemand würdigt mich auch nur eines Blickes. Der Drang mich zu verletzen, mich dafür richten, dass ich solch ein Nichts und Niemand bin, schlüpft aus seinem Ei und verlässt das Nest. Ich will nur schnell wieder zurück nach Hause. Schnitt.
- Im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Ich sehe, für mein Dafürhalten, gut aussehende Männer und Frauen, die mit einer scheinbar angeborenen Leichtigkeit durchs Leben gehen bzw. fahren. Vielleicht weil sie wissen, welche Wirkung sie auszuüben in der Lage sind. Warum kann ich nicht so sein wie sie? Im Auto kann ich mich schlecht selbst verletzen, also muss ich warten bis ich irgendwo angekommen bin. Aber dann: Schnitt.
- Ich erblicke mich im Spiegel, im Schaufenster oder auf Bildern und erschaudere jedes Mal aufs Neue ob dieser ungeheuren Ausgeburt der Unansehnlichkeit ohne jegliche Ausstrahlung oder Charisma: Schnitt. Kein Wunder, das ich mich unbemerkt unter dem Radar eines jeden Menschen bewege.
- Sehe ich glückliche Pärchen, egal welchen Genders, muss ich schnell nach Hause und: Schnitt. Ich werde niemals so glücklich sein, oder überhaupt wieder glücklich!
- Heute hat eine Mitarbeiterin ein Kompliment wegen ihres Aussehens bekommen: Schnitt. Ich beneide sie um diesen Moment.
- Ich bin alleine und die Einsamkeit erdrückt mich abends fast greifbar wörtlich: Schnitt. Ich wollte es so und es zerreißt mich förmlich, aber ich verdiene es!
- Ich denke an die hoffnungslose Zukunft meines Daseins: Schnitt. Will ich jeden Tag so weiterleben, bis sich der Tod irgendwann endlich meiner erbarmt? Nein.
Immer und immer wieder: Schnitt.Schnitt.Schnitt. Manchmal auch Zigaretten, aber meistens ist das Cuttermesser das Werkzeug meiner Wahl. Das funktioniert wie ein vorsichtiges Herantasten an das vom Verstand gestattete, mögliche Ausmaß der Verletzung. Eigentlich sind es eher Markierungen, die mich daran erinnern sollen, was für ein Stück UNmensch ich bin und das ich nicht in eine, wie auch immer geartete Gleichgültigkeit verfallen will. Das ist mein Gebot: niemals zu akzeptieren und hinzunehmen, dass ich dieses Leben, nur um des reinen Lebens willen, so weiterführen muss. Ich muss nämlich gar nichts. Es ist für mich so unvorstellbar geworden, dass mich jemand wirklich attraktiv und anziehend finden könnte, als würde ich versuchen mir vorzustellen, wie es wäre morgen auf dem Uranus zu landen.
Alle meine Handlungen sollen mich also den steilen, gewundenen Pfad hoch zur Bergspitze führen, bis ich oben angelangt bin und von dort aus endlich die eine, klare Übersicht bekomme, die notwendig sein wird, um den Gipfel auf einem anderen, alles erlösendem Wege wieder zu verlassen. Dort auf der Anhöhe wird die Angst vergehen, die noch zwischen mir und der Freiheit liegt. Darin liegt die einzige Hoffnung, die ich noch besitze. Schritt für Schritt nähere ich mich diesem Punkt. Unaufhaltsam. Unwiderruflich.
Das ist hier ist nicht Instagram oder Facebook oder wie der ganze HeileWeltQuatsch heißt. Das hier ist mein Refugium. Das hier ist mein Vermächtnis. Die Hinterlassenschaft eines Verlierers gegen sich selbst und das Leben. Es ist nicht viel, aber es ist alles was geblieben ist.
Ich bin nicht depressiv, nur weil ich erkannt habe, dass ich nicht in diese Welt gehöre, das hier kein Platz für mich ist. Es ist einfach so. Und jetzt muss ich möglichst schnell einen Weg finden, der mich aus dieser Welt wieder hinausführt.