1. ISOLATION – Der wichtigste Punkt zuerst. Ich musste mich loslösen von allem und jedem, aus der Verletzung und Verletzlichkeit heraus dem Impuls folgend, das es erst einmal keine andere Lösung zu geben scheint. Heute weiß ich, dass ich es einfach nicht besser wusste, weil ich zu unbedarft und unerfahren war und immer noch bin. Ich besitze weder die Reife, noch die Abgeklärtheit und Sicherheit eines erwachsenen Menschen, der ich auf dem Papier nun mal bin, hingegen nicht in meinem Kopf. Trotz, Stolz und Sturheit treten dann an die Stelle der Erfahrenheit und einer rationalen Handlungsweise.
2. VERLEUGNUNG – Die Wahrheit ist real, aber in dem Moment des Coming Outs erscheint sie unwirklich und unzumutbar und deshalb geht der Verstand in eine Art Verteidigungsmodus, er verfällt in eine Starre, verschließt seine Pforten und lässt nichts und niemanden mehr an sich heran.
3. ERKENNTNIS – Alle Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen werden mit dem Schwamm der Erkenntnis aufgesaugt, zerdacht, zerfasert und fein säuberlich seziert. Man hat ja genügend Zeit dafür, und falls das mal nicht der Fall sein sollte, nimmt man sie sich eben, egal wo man sich gerade befindet oder was man gerade so macht. Es gibt praktisch keine andere Beschäftigung mehr, als die mentale Bewegung um das eigene Ich herum. Man beginnt zu verstehen, realisiert, dass man anders ist, aber leider nicht in guter, interessanter Art und Weise.
4. HILFLOSIGKEIT – das ist die schlimmste Phase. Niemand kann mich verstehen, niemand kann mir helfen, niemand findet mich gut. Und niemand glaubt mir. Es wird immer so weiter gehen und nie wieder aufhören. Ich glaube fest daran, dass es tatsächlich so ist. Ich kann nichts dagegen tun, denn ich bleibe der Mensch, der ich bin. Unsichtbar, unscheinbar und uninteressant. Ich bin der, der ich bin. Ich wäre gerne ein komplett anderer Mensch, aber das geht nunmal nicht. Daraus resultiert eine unbarmherzige, grenzenlose Hilflosigkeit, denn ich weiß, dass keine meiner Sehnsüchte und Wünsche oder Hoffnungen jemals in Erfüllung gehen werden. Und ich kann meine sowieso schon geringen Erwartungen an ein lebenswertes Dasein nicht noch weiter zurückschrauben, nur um mich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eines Existenzminimums an Glück und Zufriedenheit herab zu bewegen.
5. DER AUSWEG – Bleiben und bis zum Ende jeden einzelnen Tag in einer Kopfhölle verbringen oder gehen und erlöst werden. Das und das Schweigen, ist alles was bleibt. Ich habe meine Wahl längst getroffen. Jetzt warte ich ab und suche eine Lücke, einen Spalt, von dem ich mich verschlingen lassen werde.