Manchmal, wenn das Leben gerade keine Kapriolen schlägt und alles durcheinander wirbelt, verhält es sich in etwa wie schlichte Mathematik. Es folgt strengen Richtlinien und Mustern, vieles dessen was passiert, scheint nachvollziehbar, logisch und unabwendbar.
Marcel Trümmer hatte die Angst längst verschluckt und verdaut, als er schließlich seinem Spiegelbild gegenübertrat, mit herabhängenden, schlaffen Armen, das kleine, metallene Plättchen zwischen Zeigefinger und Daumen der einen Hand, während die andere sich fast zärtlich an seinen nackten Oberschenkel zu schmiegen schien. Seine blasse Haut schimmerte leicht im künstlichen Licht der Flurlampe, von draußen krochen die Laute der Anderen, der richtigen Menschen durch die weit geöffnete Balkontür herein und verteilten sich wie unsichtbare Schwaden aus Hall und Gemurmel in der gesamten Wohnung. Es war soweit.
Marcel hatte keine gute Kindheit gehabt. Nicht so wie die anderen Kinder, die in seiner Nachbarschaft wohnten oder mit ihm zusammen zur Schule gingen. Auf keinen Fall so wie die Kinder, deren Eltern sie zum Fußballtraining oder sonst wo hinfuhren und wieder abholten, ihnen richtiges Spielzeug kauften und die als Familie beim gemeinsamen Abendessen über den vergangenen Tag plauderten.
Marcel kannte das alles nur aus seinen Träumen. Von Anfang an ging es für ihn nur ums Überleben. Die kleinen Dinge, ihr wisst schon. Niemand wollte ihn in seiner Nähe haben, geschweige denn mit ihm spielen oder sich mit ihm unterhalten und der kleine Marcel hatte damals noch keine Ahnung, warum das so war. Er wusste noch nicht, was das Wort Außenseiter bedeutete und ahnte nicht, dass ihn dieser Stempel für den Rest seines trostlosen, zum Scheitern verurteilten Lebens begleiten würde. Heute gehen sie achtlos an seinem ungepflegten Grab vorüber, während er aus seiner dunklen, feuchten Grube heraus von unten auf die Menschen blickt und sich fragt, warum ihm bis in den Tod hinein niemals das Gefühl zuteil werden durfte, wie es ist begehrt zu werden.
Wie oft hatte er hingegen sich selbst verliebt, aus der Ferne, aus der Distanz seines Mikrokosmos‘ heraus, wohl wissend, dass er für immer und alle unsichtbar bleiben würde. Vielleicht war ihm das Scheitern bereits angeboren gewesen, als hätte eine aus dem Verborgenen lenkende Macht sich der Verpflichtung verschrieben, ihn mit dem Dreck und der Scheiße zu bewerfen, die von den anderen, glücklichen Menschen ausgedünstet und ausgeschieden wurde und nun irgendwo deponiert werden musste. Die langen Schatten der Gewinner fielen auf ihn herab und verdeckten seine Erscheinung, als würde der Mond sich vor die Sonne schieben, nur sollte Marcel’s Sonnenfinsternis ein ganzes, verdammtes Leben lang andauern.
Am Ende gab es nur noch ihn selbst und die vertraute Stimme in seinem Kopf, seinen vom Unterbewusstsein erschaffenen, anhänglichen Begleiter, dessen Aufgabe es war, ihn zu erhalten und mit der Wahrheit zu konfrontieren, bis der Selbstgefälligkeit des Lebens Genüge getan war und er endlich entlassen werden konnte.
Sein spiegelverkehrtes Ebenbild war für Marcel Trümmer zum Ausdruck und Zeugnis eines Sinnbilds für den Verlust jeglicher Würde geworden. Und trotzdem musste er sich immer wieder selbst betrachten, begleitet von der Stimme der Wahrheit, deren sirenenhafter Singsang ihn bestärkte und ermutigte, seine Angst zu überwinden, den Griff zu lockern und schließlich loszulassen.
Der Schnitt war langsam und zaghaft, besaß aber eine unangenehme Schärfe, ganz genauso, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Es lag keinerlei Gnade, nichts Versöhnliches in diesem Prozess der Läuterung, nur funktionaler Aktionismus. Er weinte nicht, er lächelte nicht und er dachte nichts mehr. Er verspürte auch keine Erleichterung, als die Müdigkeit ihn schließlich erfasste und Marcel Trümmer für immer in einem Schleier aus trüben Erinnerungen verschwand.