Der Irrtum

Durch das Schaufenster der kleinen Kunstgalerie schauend, beobachtet er das bunte Treiben im Inneren. Noch kann er sie nicht ausmachen, aber es ist unverkennbar ihr Name (nebst kleinem Portraitfoto), der auf dem großen, selbst gestalteten Aufmacher im Eingangsbereich steht. Nicht zu fassen, kein Zweifel möglich: es ist ihre Werkschau, die es hier zu begutachten gilt. Nun hatte sie es doch noch geschafft, ihren Traum zu verwirklichen. Nach Jahren der Knechtschaft sozialen Abriebs, war er plötzlich nur noch einen Kieselsteinwurf davon entfernt sie wiederzusehen. Beats und Bass von Carlton Touts der Sleaford Mods kriechen unter der Eingangstür hindurch, die Schwingungen durchströmen ihn, sein Bauch beginnt sanft zu vibrieren. Ein guter Anfang. So weit so gut.

Er geht hinein, obwohl es sich wahrscheinlich um eine geschlossene Gesellschaft zu handeln scheint. Aber wenn schon denn schon, „König Zufall“ schreibt das Leben. Eben. Außerdem verschaffen ihm seine Tabletten den nötigen Vorsprung auf seine Ängste und eventuellen Vorbehalte. „Hemmnisblocker“ allererster Kajüte waren das, jedenfalls lautet so das Versprechen der Firma „Micro Labs GmbH“ aus Frankfurt. Aber bitte nur eine à 10 15 mg am Tag. Dankeschön.

Er schlängelt sich an den Besuchern vorbei in den hinteren Teil der Galerie. Im Hintergrund läuft jetzt leise aber eindringlich Trans Europa Express von Kraftwerk. Guter Geschmack denkt er sich und entdeckt zugleich nebeneinander an einer Wand aufgereiht hängend, drei große Schwarz-Weiß Aufnahmen von wirklich hübschen (oder hübsch fotografierten) Frauen. Überall und kreuz und quer stehen, liegen und lehnen Skulpturen oder Plastiken aus Ton, Gips, Beton oder Sonstwas. Öl- und Acrylbilder, Aufnahmen von Street Art Graffity und Airbrush-Motive, skurrile Konzeptzeichnungen, halb fertig anmutende Entwürfe und Skizzen bilden ein wildes Konglomerat aus Leben, Schaffen, Wirken und Sein. Ein ungeheures Portfolio aus Ideen und Visionen und schöpferischer Kraft.

Mein Gott, was diese Frau alles geschaffen und geschafft hat überlegt er und fühlt sich plötzlich noch fremder und unpassender aufgehoben an diesem Ort der überbordenden, aus allen Nähten platzenden Kreativität. Dann sieht er sie.

Sie steht inmitten einer Entourage von Leuten, die allesamt Bier trinken an diesem, ihren großen Abend. Das passt irgendwie, sagt er sich, denn so wie er sie einschätzt, ist sie nicht unbedingt der avantgardistische, exponierte und exaltierte Champagner-ProseccoHugo-Spritz-Quatsch-Getränke-Typ, sondern eher eine künstlerische-kreative Malocherin. Eine, die voller Tatendrang und Schaffenskraft in ihren Werken aufgeht, darin eintaucht, um der Welt ihre Visionen und Sichtweisen vom Leben aufzuzeigen, allerdings ohne überdrehte Exaltiertheit. Da passt dann auch Bier irgendwie besser, weil: bodenständiger. Ihm wird bewusst, dass er nach wie vor von ihr fasziniert ist und wahrscheinlich auch immer noch etwas – ach, wie dumm – verliebt.

Als sie ihn ebenfalls wieder erkennt, fällt ihr fast die Flasche aus der Hand und für einen kurzen Moment steht sie einfach nur völlig regungs- und wortlos da. Dann geht alles ganz schnell. Sie deutet auf ihn, geht ein kleines Stückchen auf ihn zu und schreit so laut los, dass wirklich ALLE es hören können. „Das darf doch wohl nicht wahr sein…nein, du nicht! DU NICHT (Ausrufezeichen!) Ihre Stimme überschlägt sich, die Gespräche verstummen, nur die Musik spielt unbeeindruckt weiter. „Raus! Raus! Raus! Du hast hier nichts zu suchen, du bist nicht willkommen, niemals, nie und nimmer wieder! Verschwindeverschwindeverschwinde! Hast du das jetzt endlich und ein für alle mal kapiert? HAU-AB!“

Mittlerweile richten sich alle Blicke auf ihn und er glaubt tatsächlich ein kleines Stück geschrumpft zu sein. Nur ein paar Zentimeter, wahrscheinlich in den Beinen, so fühlt es sich jedenfalls an. Er ist ein Fremdkörper in einer sich rasend schnell drehenden Welt voller Anmut, geballter sexueller Anziehungskraft und künstlerischer Exzesse. Zu den Klängen von House Plants der Band Squid (ebenfalls sehr gut!) und ohne überhaupt auch nur ein Wort gesagt zu haben, dreht er sich um und stolpert hinaus wie ein alter, geprügelter, vom Hof gejagter, humpelnder Hund, dessen Fell mittlerweile überall schon lichte Flecken aufweist. Er rennt und rennt und rennt solange, bis er mit dem Horizont des Abendhimmels verschmilzt und sich auflöst.

Drinnen kommt man langsam wieder zur Besinnung, aber es ist klar dass sie den Leuten eine Erklärung schuldet, die fragenden Gesichter sprechen Bände. Sie ist immer noch aufgewühlt, weil er sie in Verlegenheit gebracht hat, vor all ihren Freunden, Bekannten und denen, deren Interesse für sie sich im weiteren Verlauf des Abends vielleicht noch ausgestalten könnte. Plötzlich erst bemerkt sie wieder, dass sie nicht alleine ist und schaut mit entschuldigender Miene in die versammelte Runde. „Das war Nichts. Niemand. Nur jemand, den ich vor langer Zeit einmal gekannt habe. Ein Irrtum, nicht weiter wichtig. Prost!“ Das scheint den Gästen zu gereichen, denn schließlich ist sie auch nur ein Mensch und Menschen machen nun mal Fehler, begehen Irrtümer oder lassen sich manchmal mit den falschen Leuten ein.

Sie trinkt hastig den letzten Schluck und stellt die Flasche mit einem lauten Knall auf einem der Bistrotischchen ab. „Noch jemand ein Bier?“ fragt sie und geht hinüber zur improvisierten Bar.

Echt scheiße gelaufen. Aber die Musik war wirklich gut.