Escitalopram

Ich hab‘ mir das zwar auch anders vorgestellt – aber nun lebe ich das so zu Ende. – Studio Braun

1. Tag – Beipackzettel ausreichend studiert, Wirkung, Nebenwirkungen, Einnahme, etc. Tablette aus dem Blister, Form und Größe begutachtet, dran gerochen. Wasser in ein Glas gefüllt, Tablette unter die Zunge gelegt und heruntergeschluckt, anschließend mit Wasser nachgespült. Wirkung setzte innerhalb einer halben Stunde ein und äußert sich wie folgt: sämtliche Gedanken, egal ob schön, neutral oder schlecht, verfangen sich wie Insekten im Baumharz und verenden binnen weniger Augenblicke. Kein Durchkommen möglich, auch bei größter Anstrengung nicht.

2. Tag bis 10. Tag – Selber Wirkungsgrad, stagnierende Emotionslosigkeit, begleitet von einer seltsamen, unterschwelligen Melancholie, einer grundsoliden, larmoyanten Tonart ohne (vermeintlich) einen genauen Grund dafür zu kennen. Täuschung. Betrug. Die Botenstoffe blockieren tiefer gehende, intensive Gedankengänge. Ein Glücksgefühl bleibt aus.

11. Tag – Dann der Durchbruch. Erste Schwaden, ein Cluster bestehend aus dünnfädrigen, atomkleinen Blitzen kriecht wie Rauch durch die entstandenen Ritzen der porösen 4. Wand. Die ersten schlimmen Gedanken sind durch und reißen immer größere Löcher für gehaltvollere Impulse. Sättigende, geistige Dickmacher bestehend aus beschämenden Erinnerungen und erschreckenden Erkenntnissen verschmieren und verkleistern den Gehirnapparat. Und ich bin immerzu müde. Müde. Müde. Müde.

12. Tag bis 14. Tag – Das Leben hat wieder einen Sinn und ich verfalle in die üblichen Denk- und Verhaltensmuster. Alles ist genauso schlimm wie vor dem Beginn der Medikation. Vielleicht sogar schlimmer. „Eine für den Patienten und die Behandlung zufriedenstellende Wirkung kann manchmal erst nach 4 Wochen einsetzen.“ Was wäre denn bitteschön zufriedenstellend?

15. Tag – Kann nach 2-wöchiger Abstinenz wieder Tränen kullern lassen. Erbärmlich. Aber ich schäme mich nicht wirklich.

16. Tag ongoing – usw. usw.

Vielleicht ist mein Wille zu stark für Anti-Depressiva. Die Dosis müsste wahrscheinlich erhöht werden, aber wozu? Es erscheint mir nach wie vor falsch zu sein, sich mittels chemischer Reizprozesse etwas vorzumachen. Mein leeres Leben bleibt dasselbe, mit oder ohne einen erhöhten Serotoninwert. Das will nur niemand verstehen. Das einzige was mich retten kann ist Bestätigung zu erfahren, das Gefühl zu erhalten, ein begehrenswerter und attraktiver Mensch zu sein. Ich lasse mich und meine Sehnsüchte nicht von einer künstlich hervorgerufenen Gleichgültigkeit zu Boden ringen. Ich muss das erfahren, durchleben und – meinetwegen begleitet von fortwährendem Schmerz – auch so zu Ende bringen.

edit:

51. Tag – Erster Tag mit erhöhter Dosis, jetzt: 15 mg. Keine Veränderung des Probanden. Patient wird weiterhin regelmäßig von einer Abrissbirne im Denkkasten heimgesucht. Das Gebäude steht zwar noch, aber das Fundament bröckelt beträchtlich. Und nu?